Das Festival für wiederentdeckte Musik ist eine Veranstaltung, die sich der Musik widmet, die aus verschiedenen Gründen aus unseren Konzertsälen, unserem Gedächtnis und unserem kulturellen Alltag verschwunden ist. Wir erwecken vergessene Werke, alte Aufführungstraditionen, unbekannte Komponisten und musikalische Welten wieder zum Leben, die jahrelang in Archiven, Manuskripten oder im lokalen Gedächtnis verborgen blieben. Neben den wiederentdeckten Meisterwerken präsentieren wir auch Künstler, die alte Traditionen kreativ weiterentwickeln und ihnen neue Bedeutungen verleihen. Warum gerade in Stettin? Die Geschichte unserer Stadt ist eine Geschichte ständiger Begegnungen, Migrationen und der Vermischung von Kulturen. Hier kann sich jede Musik zu Hause fühlen.
Das Programm „Frauen im Schatten des Kanons“ präsentiert das Schaffen von Komponistinnen, deren Werke lange Zeit außerhalb des Mainstreams des Konzertbetriebs blieben. Das Repertoire umfasst Werke aus verschiedenen Jahrzehnten des 20. und 21. Jahrhunderts, doch eines verbindet sie: eine Marginalisierung, für die es keinerlei künstlerische Rechtfertigung gibt. Die meisten der im Programm vertretenen Komponistinnen waren zu ihrer Zeit aktiv, geschätzt und veröffentlicht, doch ihre Musik hat keinen festen Platz im Orgelkanon gefunden.
Die Werke von Joan Tower, Mary Howe, Florence Price und Libby Larsen repräsentieren die amerikanische Orgeltradition, in der das Instrument mit Konzertidiomen, symphonischer Gestik und der für das 20. Jahrhundert charakteristischen klanglichen Intensität verschmilzt. Towers „Power Dance“ und Larsens Zyklus „Aspects of Glory“ zeigen ein modernes Denken in Bezug auf Textur und Rhythmus; Howes „Elegy“ und Prices „Passacaglia and Fugue“ lassen die Sprache von Komponistinnen wiederaufleben, die zu ihrer Zeit am Rande der Musikinstitutionen agierten.
Grażyna Bacewicz taucht im Programm in einer für sie seltenen Rolle als Komponistin von Orgelmusik auf – „Esquisse“ ist ein Beispiel für ihr Interesse an klanglicher Konzentration und prägnanter Gestik. Die Werke von Nadia Boulanger enthüllen eine weniger bekannte kreative Seite von ihr, weit entfernt vom Stereotyp der „großen Pädagogin“. Das Te Deum von Jeanne Demessieux wiederum ist eines der wichtigsten Beispiele für die virtuose Orgelmusik des 20. Jahrhunderts – ein Werk, das trotz seiner außergewöhnlichen Qualität nach wie vor am Rande des Repertoires steht.
Das Konzert unterstreicht, wie umfangreich, vielfältig und nach wie vor wenig anerkannt das Erbe der Komponistinnen ist. Die Zusammenstellung der Werke zeigt nicht nur die Bandbreite der Ästhetiken und Techniken, sondern weist auch auf die Notwendigkeit einer Überarbeitung des Orgelkanons hin, in dem das Schaffen von Frauen nach wie vor unzureichend vertreten ist.